Privatinsolvenz gilt als großes Tabuthema, dabei kann es – gerade in unruhigen Zeiten wie diesen – jedem passieren. Robert Brinkert hat es selbst erlebt und sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Über die Social Media Kanäle motiviert er andere Betroffene und gibt Tipps für die schwierige Zeit. 

 

Erzähl doch mal ein bisschen zu dir:

Erst einmal vielen Dank für die Einladung zu diesem Gespräch.

Ich möchte möglichst vielen von der Privatinsolvenz betroffenen Menschen motivieren und dabei helfen stressfrei durch das Verfahren zu kommen mit dem Ziel, den Weg in eine glückliche und erfolgreiche Zukunft zu sichern.

Ich möchte mit finanzieller Bildung dafür sorgen, dass Ver- und Überschuldung gar nicht erst entsteht und dadurch die Kinder- und Altersarmut bekämpft werden.

Nun zur Entstehungsgeschichte:

Seit 2001 bin ich Beamter im Zolldienst. In meiner Elternzeit beschloss ich im Januar 2015 mit einem Freund zusammen ein Eiscafé zu eröffnen. Wir gaben dem Eiscafé dank der Hilfe meiner Frau ein neues Design, bauten das Café um und eröffneten im April 2015.

Da wir das Milchspeiseeis von einem befreundeten Eismacher kauften, wuchs in mir der Wunsch, das Eis selbst herzustellen. Ich besuchte ein Eisseminar in Berlin und war ich fest entschlossen, die Eisproduktion zu starten. Das Eiscafé bot leider nicht genug Platz, um die Eisherstellung vor Ort zu gewährleisten, also suchten und fanden wir einen zweiten Standort.

Mein Geschäftspartner hatte zu meiner Unzufriedenheit leider differenzierte Ansichten wie man dieses Eiscafé führt. Es entwickelte sich in mir mehr und mehr der Drang, das Eiscafé zu verlassen und damit die GbR aufzulösen und den zweiten Standort komplett allein zu führen. Der zweite Standort wurde dann zur “Hamburger Eismanufaktur”.

Da meine Elternzeit nach sechs Monaten vorbei war, musste ich wieder zu meinem Hauptjob zurückkehren. Mein Vollzeitjob als Zollbeamter, die Familie und das Eisgeschäft haben so viel Zeit in Anspruch genommen, dass ich mich dafür entscheiden musste das Eisgeschäft aufzugeben und meiner

Rolle als Familienvater gerecht zu werden. Das Problem war nur, dass ich mit der Entscheidung der Aufgabe des Eisgeschäfts die sofortige Zahlungsunfähigkeit herbeiführte, weil wir schließlich weder die Miete der Gewerbefläche noch die Leasingraten für die Eismaschinen zahlen konnten.

Also führte mich der Weg zur Schuldnerberatung. Da die Gläubiger einem außergerichtlichen Vergleich nicht zustimmten, musste im August 2017 die Eröffnung der Privatinsolvenz beantragt werden.

… Nun stellte ich mir die Frage: “War es das jetzt????”

Ich kaufte mir die ersten Bücher zu den Themen Finanzen, Unternehmertum, Startup, Aktien, Immobilien und Mindset, schaute YouTube Videos, besuchte Meetups und Startup-Veranstaltungen, sprach mit vielen Menschen über die Themen und Herausforderungen, die mich bewegten.

 

In diesem Insolvenzverfahren gab es viele, viele Probleme und Herausforderungen. Die Miete konnte nicht abgebucht werden, weil die Bank das Gehalt auf dem Konto nicht freigegeben hat. Das Kindergeld wurde nicht freigegeben und am Ende des Monats an den Insolvenzverwalter ausgeschüttet. Die Nacht-, Feiertags- und Sonntagszuschläge wurden nicht in den Pfändungsfreibetrag eingerechnet, obwohl diese seit einem BGH-Urteil aus dem Jahr 2018 unpfändbar sind.

Im März 2019 führte ich mal wieder ein Telefonat mit der Insolvenzverwaltung, welches von jetzt auf gleich alles ändern sollte:

Das Kindergeld, welches unpfändbar ist, wurde nicht freigegeben und an den Insolvenzverwalter ausgeschüttet. Die Aussage der Insolvenzverwaltung lautete: “Sie müssen sich zivilrechtlich mit der Bank auseinandersetzen.”

In dieser Sekunde wusste ich, was zu tun war.

Ich stellte einen Antrag an des Insolvenzgericht mit der Bitte, die kontoführende Bank zu bitten das Kindergeld freizugeben und den Insolvenzverwalter zu bitten, das Kindergeld an uns zurückzuzahlen. Das Gericht stimmte dem Antrag zu.

Ich fragte mich, wenn in meinem Insolvenzverfahren schon zu viel nicht richtig läuft und nicht funktioniert, wie geht’s dann den anderen 90.000 Menschen da draußen?!

Somit stand für mich der Entschluss fest anderen zu helfen.

 

Wie ging es dir selbst während der Privatinsolvenz und woher hast du die ganze Kraft genommen?

Meine Botschaft lautet: Schulden und die Privatinsolvenz sind nichts wofür man sich schämen muss. Das betrifft so viele Menschen und ich möchte mit dem Stigma aufräumen, das Thema in die Öffentlichkeit holen und zeigen, dass wir offen darüber reden können, um den Fokus auf das Positive und Wesentliche zu lenken. Ich habe mich gefragt, welche Entscheidungen dazu geführt haben, dass ich in der Privatinsolvenz gelandet bin. Ich habe festgestellt, dass ich für jede Entscheidung selbst verantwortlich war. Angefangen hat alles mit der Inanspruchnahme des Dispos, über den Kauf eines Autos, die Finanzierung unserer Hochzeit und das Starten der nebenberuflichen Selbstständigkeit ohne Startkapital.

Die Frage nach meinem Befinden muss ich auf den Zeitpunkt lenken als ich den Weg zur Schuldnerberatung gegangen bin. Mir einzugestehen, dass ich Hilfe von einem außenstehenden Profi brauche, war der Wendepunkt. Die Schuldnerberaterin sprach mir Mut zu und ich fühlte mich aufgefangen. Nach sieben Monaten stand fest, dass der außergerichtliche Vergleich gescheitert war und die Eröffnung der Verbraucherinsolvenz beantragt werden würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon gedanklich damit auseinandergesetzt. Ich war erleichtert, dass die Verhältnisse geklärt waren. Die Kraft habe ich daraus geschöpft, dass ich zu jedem Zeitpunkt den Blick nach vorn gerichtet

 

Du gehörst zu den wenigen Betroffenen, die das Insolvenzverfahren auf drei Jahre kürzen konnten. Wie geht es für dich nun weiter und welchen Tipp gibst du Menschen, die gerade erst am Anfang eines Verfahrens stehen?

 Ich habe in den letzten drei Jahren die Grundlagen dafür geschaffen, dass wir als Familie eine glückliche und zufriedene Zukunft haben werden. Nach dem Ende der Wohlverhaltensphase wird sich unsere Sparquote fast verdoppeln. Damit werden wir den Notgroschen auf zwölf Monatsgehälter ausbauen und die Altersvorsorge u.a. durch Aktiensparpläne und Immobilien als Kapitalanlage gestalten.

Mein Tipp an Betroffene: Übernehme für dein Handeln die Verantwortung. Ich habe gelernt, dass ich allein für die Privatinsolvenz verantwortlich war. Warum? ICH habe mich ver- und überschuldet. Und ich hatte keine Rücklagen, um die finanziellen Probleme zu bewältigen. Die Nutzung des Dispos, die Finanzierung des Autos und der Hochzeit, die Elternzeit und des Scheiterns der nebenberuflichen Selbstständigkeit waren in Summe zu viel des Guten. Doch der Hauptgrund war: fehlende finanzielle Rücklagen. Daher bilde einen Notgroschen für finanzielle Rückschläge und vermeide Konsumschulden.

 

Vielen Dank für das Interview.