
ADHS-Steuer – Wenn Vergesslichkeit richtig teuer wird
Endlich erwachsen, endlich frei – und endlich tun und lassen, was man möchte! Für viele Jugendliche und junge Erwachsene klingt genau das verlockend.
Doch so schön diese Vorstellung auch ist: Schnell stellt sich heraus, dass zum Erwachsenwerden auch Fristen, Rechnungen, Verträge und Rückgabefristen gehören. Klingt anstrengend? Ist es auch!
Für Menschen mit ADHS ist eine solche finanzielle Alltagsorganisation oft besonders anstrengend. Nicht, weil sie ihnen egal wäre oder weil sie sich nicht bemühen würden, sondern weil Planung, Überblick, Prioritätensetzung und Impulskontrolle durch ADHS oft deutlich mehr Kraft kosten als bei anderen. Rechnungen, Fristen oder Vertragsdetails können dadurch schneller aus dem Blick geraten – selbst dann, wenn die Person eigentlich verantwortungsvoll handeln möchte. Doch warum trifft dies Menschen mit ADHS oft stärker als Menschen ohne ADHS? Dazu weiter unten mehr.
Was ist mit „ADHS-Steuer“ gemeint?
In den sozialen Netzwerken hat sich dafür inzwischen der Begriff „ADHS-Steuer“ verbreitet. Er beschreibt also keine echte Steuer, sondern zusätzliche Ausgaben, die nicht entstehen, weil grundsätzlich kein Geld vorhanden ist, sondern weil finanzielle Alltagsorganisation schwerfällt. Ein vergessenes Abo, eine liegen gebliebene Rechnung, eine verpasste Rücksendung oder ein vorschneller Kauf: All das kann durch zusätzliche Gebühren, Mahnkosten oder unnötige Ausgaben schnell teuer werden. Viele Menschen mit ADHS kennen solche Situationen nicht nur vereinzelt, sondern immer wieder.
Warum trifft das Menschen mit ADHS oft stärker?
So wie nicht jeder Mensch gleich ist, ist auch nicht jedes ADHS gleich. Bei Menschen mit ADHS können unter anderem die sogenannten exekutiven Funktionen stärker belastet sein als bei Menschen ohne ADHS. Gemeint sind damit innere Steuerungsfunktionen wie Planen, Organisieren, Impulskontrolle und das zuverlässige Abrufen wichtiger Informationen im Arbeitsgedächtnis. Gerade bei Aufgaben, die langweilig, unübersichtlich oder nicht sofort dringend wirken, kann das im Alltag große Hürden schaffen.
Aufgrund dessen sind klassische Erwachsenenthemen für viele Betroffene besonders prädestiniert vergessen zu werden: Rechnungen bezahlen, Fristen einhalten, E-Mails beantworten, Unterlagen sortieren, Rücksendungen erledigen oder Verträge im Blick behalten.
Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS grundsätzlich schlecht mit Geld umgehen. Es bedeutet aber, dass das Risiko höher sein kann, im Alltagschaos unnötige Kosten zu verursachen.
Die ADHS-Steuer zahlt man oft im Stillen
Das Tückische ist: Meist geht es nicht um einen einzigen großen Fehler, sondern um viele kleine Beträge. Hier eine Mahngebühr, dort ein unnötig weiterlaufendes Abo, dazu Versandkosten wegen einer verpassten Rücksendung, Kontogebühren, Zinsen oder Dinge, die doppelt gekauft werden, weil sie nicht mehr auffindbar sind. Einzelne Beträge wirken dabei vielleicht noch harmlos. Zusammen entsteht daraus jedoch oft ein spürbarer finanzieller und emotionaler Druck. Denn mit den Kosten kommen häufig weitere Belastungen hinzu: Scham, Selbstvorwürfe, Unsicherheit und das Gefühl, einfache Dinge „eigentlich hinbekommen zu müssen“. Wenn finanzielle Engpässe dadurch größer werden, können daraus weitere Zahlungsschwierigkeiten entstehen, etwa bei Miete, Strom oder anderen wichtigen Ausgaben. So kann aus vielen kleinen Zusatzkosten im schlimmsten Fall eine ernsthafte Belastung werden.
Das Problem ist nicht mangelnde Intelligenz
Viele Betroffene kennen den Gedanken:
„Warum kriege ich solch einfache Sachen nicht hin?“
Gerade hier ist eine Einordnung wichtig: Es geht nicht um fehlende Intelligenz und auch nicht um fehlenden Willen. Vielmehr treffen finanzielle Alltagsaufgaben genau auf die Anforderungen, die bei ADHS oft besonders schwerfallen: dranbleiben, den Überblick behalten, rechtzeitig anfangen, Impulse bremsen und an selbst gebaute Strukturen auch dann noch denken, wenn es gerade scheinbar gut läuft.
Deshalb reichen gute Vorsätze allein oft nicht aus. Ein „Ab jetzt mache ich das einfach regelmäßig“ hilft nur begrenzt, wenn die passende Struktur im Alltag fehlt oder irgendwann selbst wieder aus dem Blick gerät.
Entlastung entsteht meist nicht durch Perfektion, sondern durch einfache Systeme und Routinen. Wichtig ist vor allem, dass sie alltagstauglich sind und nicht zu kompliziert aufgebaut werden. Viele Tipps scheitern nicht daran, dass sie schlecht wären. Sie scheitern daran, dass sie zu aufwendig sind und deshalb nicht lange genutzt werden. Deshalb ist es meist sinnvoller, klein anzufangen.
Hilfreich kann zum Beispiel sein, Erinnerungen konsequent nach außen zu verlagern: durch Handyalarme, Kalendererinnerungen, sichtbare Notizen oder eine feste Ablage für Briefe und Rechnungen. Auch ein fester, kurzer Papierkram-Moment pro Woche kann entlasten. Schon 20 Minuten reichen oft, um Briefe zu öffnen, Mails zu prüfen und Fristen im Blick zu behalten. Entscheidend ist weniger, alles perfekt zu erledigen, sondern regelmäßig dranzubleiben.
Zusätzliche Entlastung schaffen automatische Abläufe. Daueraufträge oder automatische Zahlungen können verhindern, dass immer wieder dieselben Dinge neu erinnert und entschieden werden müssen. Ebenso sinnvoll kann ein fester Vertrags-Check einmal im Jahr sein. So lassen sich Abos, Versicherungen und laufende Zahlungen in Ruhe prüfen, statt erst dann darauf aufmerksam zu werden, wenn bereits unnötige Kosten entstanden sind.
Für viele Menschen mit ADHS ist außerdem Body Doubling hilfreich. Gemeint ist damit, eine Aufgabe nicht allein zu erledigen, sondern in Anwesenheit einer anderen Person, was auch online erfolgen kann . Gemeinsam Papierkram machen, parallel telefonieren oder sich von jemandem am nächsten Tag erinnern lassen, kann einen großen Unterschied machen.
Doch auch die besten Routinen können schief gehen, wenn man sich zu viel auf einmal vornimmt. Damit es nicht zu viel oder zu kompliziert wird, lieber klein anfangen. Nicht zehn neue Routinen auf einmal, sondern lieber eine, die wirklich trägt.
Hilfe anzunehmen ist kein Versagen
Wenn Geldchaos, Mahnungen oder verpasste Fristen immer wieder belasten, kann es sinnvoll sein, sich frühzeitig Unterstützung zu holen. Nicht erst dann, wenn die Situation bereits eskaliert ist.
Es gibt inzwischen auch Angebote, die Menschen mit ADHS und finanziellen Belastungen dabei unterstützen, alltagstaugliche Strukturen aufzubauen oder bei Schuldenproblemen den Überblick zurückzugewinnen. Kristin Wulf von bricklebrit hat hierzu beispielsweise ein großartiges Angebot geschaffen.
Fazit
Hinter dem Begriff ADHS-Steuer steckt mehr als nur ein Social-Media-Ausdruck. Er macht sichtbar, dass ADHS im Alltag auch finanzielle Folgen haben kann. Durch fehlenden Überblick kann schnell ein Kreislauf aus Zusatzkosten, Stress, Scham und Selbstvorwürfen entstehen – obwohl das eigentliche Problem nicht mangelnder Wille ist, sondern häufig eine Überforderung mit genau den Anforderungen, die als „normal“ gelten.
Deshalb ist es sinnvoll, die ADHS-Steuer nicht nur als individuelles Organisationsproblem zu betrachten. Sie ist auch ein Hinweis darauf, wie wichtig verständliche Strukturen, frühe Aufklärung und passende Unterstützung sind. Denn je früher Betroffene lernen, mit diesen Herausforderungen alltagstauglich umzugehen, desto eher lässt sich verhindern, dass aus vielen kleinen finanziellen Nachteilen ein dauerhaft belastendes Muster wird.
Weiterführende Tipps und Hilfsangebote:
Autorin: Melanie-Nicole Ries




