ADHS und Kaufsucht – Warum Impulsivität schnell zur Schuldenfalle werden kann

Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) stehen im Alltag oft vor besonderen Herausforderungen. Impulsivität, Schwierigkeiten in Planung und Organisation, ein empfindliches Belohnungssystem sowie hohe emotionale Belastungen können dazu führen, dass Betroffene stärker gefährdet sind, ein problematisches Kaufverhalten bis hin zur Kaufsucht (Oniomanie) zu entwickeln.

Während ADHS zunehmend gesellschaftlich anerkannt und besser erforscht ist, wird Kaufsucht häufig unterschätzt. Sie wird verharmlost, selten thematisiert und in vielen Hilfesystemen kaum spezifisch berücksichtigt – obwohl sie gravierende finanzielle, emotionale und soziale Folgen haben kann.

Warum Menschen mit ADHS besonders gefährdet sind

Typische ADHS-Merkmale wie

  • Unaufmerksamkeit
  • Desorganisation
  • Probleme im Zeitmanagement
  • impulsives Handeln

erschweren oft den bewussten Umgang mit Geld. Hinzu kommen nicht selten Stress, Überlastung, Schamgefühle und ein geringeres Selbstwertgefühl. Spontane Käufe bieten kurzfristig emotionale Entlastung – langfristig entstehen jedoch finanzielle Probleme und ein belastender Kreislauf.

Wenn sich ADHS und Kaufsucht gegenseitig verstärken

Kaufsucht wird im ICD-11 als Impulskontrollstörung beschrieben. Typisch sind:


• starkes und dauerhaftes Verlangen nach Konsum
• häufige Kaufhandlungen ohne echten Bedarf
• Schwierigkeiten, Impulse zu kontrollieren
• Ansammlung ungenutzter Produkte
• deutliche finanzielle, soziale und emotionale Folgen

Treffen ADHS und Kaufsucht zusammen, verstärken sie sich häufig gegenseitig: Das empfindliche Belohnungssystem reagiert besonders stark auf schnelle „Glücklichmacher“. Shopping sorgt kurzfristig für Erleichterung – die Wirkung verpufft jedoch schnell. Zurück bleiben Schuldgefühle, Stress und erneuter Druck. Ein Kreislauf entsteht, der die ADHS-Symptomatik zusätzlich verstärken kann.

Warum die moderne Konsumwelt das Risiko für Kaufsucht erhöht

Menschen mit ADHS reagieren stark auf Reize – und die heutige Konsumwelt ist voller Trigger.

Offline zum Beispiel durch:

  • auffällige, emotionalisierte Werbung
  • künstliche Verknappung („Nur heute!“, „Letzte Stücke!“)
  • SALE-Zonen und Rabattflächen, die zu Spontankäufen verleiten

Online unter anderem durch:

  • One-Click-Käufe – kaum Zeit zum Nachdenken
  • 24/7-Verfügbarkeit
  • Ratenzahlung oder „Buy now – pay later“
  • personalisierte Werbung & Influencer-Codes
  • Gamification, Gewinnspiele & Rabattaktionen
  • Social-Media-Reize und permanenter Vergleich mit anderen

Gerade Jugendliche und junge Erwachsene sind diesen Reizen u.a. durch Social-Media nahezu dauerhaft ausgesetzt. Nach Stress, Frust oder Überforderung kann sich ein schneller Kauf wie eine Belohnung anfühlen – auch wenn er später teuer wird. Zahlungsanbieter wie Klarna oder PayPal senken die Hemmschwelle zusätzlich: Der Kauf fühlt sich nicht sofort „real“ an und kann dadurch unbewusst zu einer finanziellen (Über-)Belastung werden. Gleichzeitig haben viele junge Menschen noch keine Alternativstrategien entwickelt, die in solchen Momenten entlasten, ohne ins Kaufen zu rutschen.

Prävention: Was Betroffene selbst tun können

Die gute Nachricht: Es gibt wirksame Hilfe, um den Kreislauf zu durchbrechen.

Alltagspraktiken

  • Werbung reduzieren (Newsletter abbestellen / „Keine Werbung“-Sticker)
  • lieber mit Bargeld statt Karte zahlen
  • Einkaufszettel nutzen, Spontankäufe meiden
  • Schlussverkäufe & Shoppingzentren bewusst meiden
  • Online-Shopping zeitlich begrenzen oder blockieren
  • Überblick über Ein- und Ausgaben schaffen – z. B. mit der „Mein Budget“-App der Stiftung Deutschland im Plus

Unterstützung im sozialen Umfeld

  • in Begleitung einkaufen – am besten mit Menschen, die bewusst konsumieren
  • Austausch in Selbsthilfegruppen nutzen
  • Schuldner- und Beratungsstellen in Anspruch nehmen

Gesellschaftliche Prävention: Was sich verändern muss

ADHS ist keine Frage von Disziplin oder persönlichem Versagen: Menschen mit ADHS sind in einer reizstarken Konsumwelt besonderen Risiken ausgesetzt. Schnelle Belohnung, Impulsivität und leicht verfügbare Zahlungssysteme können problematisches Kaufverhalten fördern. Umso wichtiger sind frühzeitige Aufklärung, Schutzstrukturen und unterstützende Angebote.

Damit problematische Kaufmuster gar nicht erst entstehen, braucht es:

  • strengere Vorgaben für Kredit- und Konsumwerbung, um besonders junge Menschen besser zu schützen
  • transparente, verständliche Bedingungen bei Online-Zahlungsanbietern, damit Kosten und Risiken klar erkennbar sind
  • niedrigschwellige, gut erreichbare Unterstützungs- und

Frühinterventionsangebote, damit Hilfe frühzeitig ankommt

Finanzkompetenz ist dabei ein zentraler Schlüssel, um Risiken realistisch einzuschätzen und bewusster mit Konsumangeboten umzugehen.

Therapie: Warum Menschen mit ADHS spezielle Unterstützung brauchen

In Deutschland gibt es bisher nur wenige Fachstellen, die speziell auf Kaufsucht ausgerichtet sind. Gleichzeitig ist Unterstützung wichtig, die sowohl ADHS als auch die Suchtproblematik berücksichtigt. Ein integrativer Ansatz kann helfen, besser mit Alltag, Emotionen und Finanzen umzugehen. Wichtig ist: Betroffene müssen nicht allein bleiben. Schuldner-, Sucht- und Sozialberatungen bieten Unterstützung an und können – auch ohne Spezialisierung – begleiten und bei Bedarf weitervermitteln:

Wirksame Unterstützungsmöglichkeiten können sein:

  • kognitive Verhaltenstherapie (ambulant oder stationär)
  • Spezialsprechstunden an Universitäts- und psychosomatischen Kliniken
  • Beratung und Einbindung von Angehörigen
  • ambulante Nachsorge und Selbsthilfegruppen
  • fundierte Diagnostik (z. B. mit geeigneten Screening-Instrumenten wie dem Hohenheimer Kaufsuchtindikator (SKSK))
  • Schuldner- und Sozialberatungen mit Erfahrung im Umgang mit ADHS & Kaufsucht

Da spezialisierte Angebote nur begrenzt verfügbar sind, können zunächst auch allgemeine Beratungsstellen, Fachärzt:innen oder psychosomatische Kliniken wichtige Anlaufstellen sein – sie unterstützen, begleiten und vermitteln weiter.

Fazit

ADHS und Kaufsucht sind eine oft unterschätzte Kombination, die finanziell, emotional und im Alltag stark belasten kann. Neben individuellen Faktoren spielen auch strukturelle Bedingungen eine Rolle – eine konsumorientierte Gesellschaft, aggressive Werbung, „Buy now, pay later“-Angebote, leicht verfügbare Kredite und teilweise unzureichende Regulierung im Online-Handel. So können Betroffene in einen Kreislauf aus Stress, spontanen Käufen, Schuldgefühlen und letztlich auch Überschuldung geraten.
Aufklärung, Prävention, Finanzbildung und passende therapeutische Unterstützung können helfen, Auslöser zu erkennen, bewusster mit Geld umzugehen und Schritt für Schritt wieder mehr Kontrolle zu gewinnen.

Autorin: Melanie-Nicole Ries

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Quellen:

  • Hillebrandt, B., et al. (2018). „Kaufsucht und Konsumverhalten.“ Psychiatrische Praxis, 45(2), 78–84
  • Heuer, JO. (2019). Privatinsolvenz- und Restschuldbefreiungsverfahren … In: Armutsbekämpfung durch Schuldenprävention. Springer VS, Wiesbaden / Letzter Zugriff 14.11.2024
  • Laskowski, N.M., Georgiadou, E., Tahmassebi, N. et al. – Psychische Komorbidität bei Kaufsucht im Vergleich zu anderen psychischen Störungen. Psychotherapeut 66, 113–118 (2021) / Letzter Zugriff: 15.02.2025
  • Springer-Artikel: Verhaltenssüchte – Stark, R., Müller, A. Psychotherapeut 66, 91–96 (2021) / Letzter Zugriff: 09.02.2025
  • Verhaltenssüchte: Prävention von großer Relevanz – Sonnenmoser, Marion
  • Walter, N., Skript Suchthilfe; Kapitel 3.3: Suchthilfe – Klassifikation … ICD-11 Folie: 79 /Wiener Arbeitskammer – Infopool: Kaufsucht 2024 / Letzter Zugriff: 09.02.2025